Der Jubiläumsherbstlehrgang 2022 mit Bernard Mathieu in Niesky

Wie feiern wir als Karateka das dreißigjährige Bestehen unseres Vereins am besten? Na klar, mit Karate-Training! Noch besser: Wir trainieren gleich ein ganzes Wochenende unter der Anleitung unseres langjährigen Freunds und Mentors Bernard Mathieu aus Reims, Frankreich! So lautete der Plan, der nach einigen holprigen Anlaufschwierigkeiten wie gestrichenen Flügen vom 30. September bis 2. Oktober 2022 auch in die Tat umgesetzt werden konnte.

 

Nachdem er auf ihm bislang unbekannten Wegen in Niesky angekommen war, legte Bernard gewohnt schwungvoll und kompetent mit seinen für uns geplanten Trainings los. Wie immer standen Kata und Partnerübungen auf seinem Plan, die wohlüberlegt aufeinander aufbauten. Meikyō und Taikyoku nutzte er, um uns zunächst den Gebrauch des Rumpfes in Soloform näher zu bringen. Dabei ging es ihm sowohl um das von uns auf Nippon-Niesky-Deutsch „Rumpfen“ genannte Bewegungsgefühl als auch um den zweckmäßigen Einsatz unserer Atmung.

Beide dieser Aspekte führte er nahtlos in Partnerübungen über, die mal mit viel Bewegung, mal eher statisch von uns ausgeführt wurden. Nachdem das halbwegs in unseren Körpern und Köpfen verankert war, fügte Bernard die Arme hinzu, was dazu führte, dass angreifende Tsuki auf verschiedene Annahmen wie Teishō-Uke, Uchi-Komi, Gedan-Barai, Ude-Uke und Age-Uke trafen. Schritt für Schritt streute er dann verschiedene Annahmeziele (Handgelenk, Ellbogen, Schulter) ein und ließ vor allem unsere erfahrenen Mitglieder immer freier werdend üben. Wichtig war ihm dabei, dass die Verbindung zum Gegenüber nie abreißen darf sowie das stete Achten auf passendes Timing.

 

Unsere samstägliche Mittagspause verbrachten wir wie immer gemeinsam grillend miteinander, was uns die Gelegenheit zum Fachsimpeln über Karate sowie heiteren und interessanten sprachlichen wie kulturellen Austausch bot. Fortsetzen konnten wir diese an beiden Abenden bei unseren Restaurantbesuchen in Niesky und Umgebung.

Zu den eingangs erwähnten Anlaufschwierigkeiten gehörte eine unglückliche Krankheitswelle, die eine erkennbare Schneise in das Teilnehmerfeld schnitt. Sie führte dazu, dass uns Bernard leider ohne Gladys Mathieu beehrte und es beim erwartungsfrohen Hufe-Scharren mehrerer unserer Mitglieder vor dem Lehrgang bleiben musste. Darauf angesprochen erwiderte Bernard, seine Devise sei, dass ihm das aufrichtige Interesse am Lernen und gemeinsamen Trainieren der Teilnehmenden wichtiger sei, als deren Anzahl.

 

Nicht unerwähnt bleiben soll die Tatsache, dass unser Herbstlehrgang in diesem Jahr kurzfristig und unproblematisch eine finanzielle Förderung vom „Deutsch-Französischen Bürgerfonds“ erhielt. So ein Lehrgang stellt sich nicht von alleine auf die Beine, weswegen wir uns bei all jenen, die einkauften, buken, grillten, fuhren, organisierten und protokollierten, herzlich bedanken. (Antje/Rico/Henning)


Unser Gasshuku 2022

Die jährliche Zeit des Hochsommers nimmt für uns Nippon-Nieskyer aus kampfkünstlerischer Sicht eine ganz besondere Stellung ein, denn es ist die Zeit, in der unser Gasshuku stattfindet. Und zu eben diesem „gemeinsamen Logieren“ verabredeten wir uns vom 4. bis 7. August 2022 in altbekannter Trainingsstätte am Werbellinsee.

Gemeinsames intensives Karate-Training in unserem doppelten Jubiläumsjahr – 30 Jahre „Nippon Niesky“ e. V. und 20 Jahre KDSD – wollten sich sechs unserer Mitglieder keineswegs entgehen lassen, und so starteten wir nach der Anreise und wie immer reichhaltigem Frühstück vor Ort um 8:30 Uhr zum ersten Training. Bis zum Ende der letzten Übungseinheit am Sonntag gegen 17:00 Uhr sollte also genug Zeit sein, um sich wieder einmal zu wundern, wie schnell doch die Zeit vergeht.

Seit mehreren Jahren bewährt, gliederten sich unsere Übungseinheiten in dreistündige, stark KDS-bestimmte Vormittagsteile, und in ebenfalls dreistündige Nachmittagstrainings, bei denen wir unseren kampfkünstlerischen Horizont getreu einer von Ankō Asatos Lehren, gelegentlich Inhalte verschiedener anderer Richtungen zu lernen, erweiterten. Frühmorgendliche Übungen mit dem Bokutō (Holzsäbel) und Vorträge am Abend komplettierten den Übungstag.

Die Vormittagseinheiten starteten wir nach der ausgiebigen Erwärmung mit Kata, zu Beginn unseres Gasshuku übten wir die grundlegende Taikyoku, am Freitag und Sonnabend war die Kata Tekki Shodan die Form der Wahl. Am Sonntag schließlich widmeten wir uns unseren Lieblings-Kata bzw. den Kata, bei denen Wiederholungsbedarf bestand.

An die Kata schlossen sich allerlei Übungen an, die uns halfen, unsere Körperstruktur für wirksame Techniken auszubilden. Wirksame Techniken, so wie wir es verstehen, entstehen unter der Voraussetzung, dass die richtigen Muskeln im Körper aktiviert werden. Um die richtigen Muskeln allerdings aktivieren zu können, ist anfangs völlige Entspannung unsere Grundlage. Mit dieser Grundlage gestalteten wir das Training mit Maai-, Greif- und Halteübungen und feilten an unseren Tsuki. Nach und nach bauten wir so wirksame Annahmen gegen ankommende angreifende Partner auf.

An unserem ersten Trainingsnachmittag vertieften wir einige ausgewählte komplexe greifende Anwendungen (Torite). Am Freitag tauchten wir einmal mehr die Welt des Bokutō (Holzsäbel) ein. Dies führten wir am Sonnabend fort, indem wir unsere Sai in Beschlag nahmen, einmal zum Üben der Hamahiga no Sai, und weiterhin für Bunseki mit Anwendung der Sai. Wir übten also nicht nur Kata der leeren Hand. Als Budō-Karate-Enthusiasten konnten wir unsere Hände selbstverständlich auch nicht von unseren (Langstock) lassen und vollführten am Sonntag in unserer letzten Einheit die Shūji no Kon und übten das Kumibō.

In der Zeit zwischen unseren Keiko vergnügten wir uns am und im klaren und erfrischenden Wasser des Werbellinsees, schmökerten in Kampfkunstmagazinen, trafen uns im „Gemeinschaftsraum“ und bildeten uns über unsere Unterkunft weiter, indem wir auf die Suche nach der mongolischen Jurte gingen – und sie schließlich fanden! Der große Wurf zum Thema Zeitvertreib in diesem Jahr gelang allerdings Henning mit seinem Jubiläumskreuzworträtsel für uns.

Ohne theoretische Weiterbildung in den Kampfkünsten kann ein Gasshuku für uns nicht mehr vollständig sein, und so konnten wir uns auch wieder zwei Vorträge zu Gemüte führen, am Donnerstagabend gab es Einblicke in Trainingslehre und -methoden im Karate, und Freitag beschäftigten wir uns mit dem eigentlich lachhaften, aber auch gefährlichen Feld des Orientalismus. Interaktiv wurde es dann am Sonnabendabend mit der Gesprächsrunde über Unsinnhaftigkeit und Sinnhaftigkeit verschiedener Prüfungsformen.

Stärken konnten wir uns diesmal in wesentlich entspannterer Umgebungsatmosphäre der „Küche 2“, wo, als eine Konstante bei all unseren bisherigen Gasshuku am Werbellinsee, auch wieder unsere Bärbel für Speisen und Ordnung sorgte, leider allerdings zum letzten Male. Ihr verdienter Ruhestand sei ihr natürlich gegönnt! Wie erwartet vergingen die vier Tage zu schnell, so wie sie dies immer tun, wenn man Spaß und Freude hat. Am Sonntagabend verabschiedeten wir uns nach vier sehr intensiven und lehrreichen Tagen und kehrten mit geschärften Sinnen und gestählten Körpern zurück nach Hause.

Ein großes Dankeschön an alle Trainingspartner fürs Organisieren und das Kreieren des Ablaufplans. Bis es wieder zum nächsten Gasshuku ruft, kann ich gerne sagen: Nippon Niesky Banzai! (Rico)


Fast der erste Bō-Lehrgang in diesem Jahrzehnt

Zum zweiten Aprilwochenende, dem 9. und 10. April 2022, trafen wir uns nach dem langem „Lockdown“ erfreulicherweise zum frühjährlichen -Lehrgang mit Henning Wittwer in Niesky, nachdem der letztjährige leider nicht stattfinden konnte. Ebenso waren wir erfreut, sowohl auswärtige Vereinsmitglieder als auch Gäste beim Lehrgang begrüßen zu dürfen und mit ihnen gemeinsam zu trainieren. Das frische Aprilwetter konnte unserer Freude am Lehrgang nur wenig entgegensetzen.

 

Die diesjährige Stock-Kata, Shūji no Kōn, wurde über das ganze Wochenende lang geübt, analysiert und verbessert. Zu den jeweiligen Bewegungen bzw. Abschnitten gab es, wie gewohnt, variantenreiche praktische Ausführungsformen. Diese waren sowohl traditionell überlieferte Anwendungsmöglichkeiten, als auch Henkā (d. h. Veränderungen). Aufgrund der Menge an Ausführungen und meiner doch recht eigensinnigen Art und Weise, mich auszudrücken, fällt es mir leider schwer, genauer darauf einzugehen. Jedoch hoffe ich, bei allen Teilnehmern des Lehrgangs mit der folgenden kurzen Rekapitulation ein paar Erinnerungen an das Wochenende wecken zu können.

 

Der diesjährige Lehrgang stand unter dem Motto: „Verwandle alle Dinge in die leere Hand [d. h. Karate], darin liegt der Zauber!“, einem der „Zwanzig Paragraphen“ von Gichin Funakoshi (1868–1957). Am Samstag ging es, wie bei unserem Lehrgang üblich, um 9:00 Uhr morgens los. Das Vormittagstraining war in zwei Segmente unterteilt. Im ersten Segment ging es primär um den Ablauf von Shūji no Kōn als auch um die strukturelle Basis der Stände und Bewegungen. Anschließend wurde im zweiten Segment der Ablauf vertieft; zudem wurden zu einzelnen Abschnitten Übungen durchgeführt, um ein besseres Gefühl dafür zu entwickeln, wie man sich in diversen Situationen mit bestimmten Bewegungen zur Wehr setzen kann.

 

Am Nachmittag wurde dies vertieft, und neben den gewohnten Zwei-Personen-Übungen kamen auch Gruppenübungen zum Einsatz. Auch fanden wieder Matten für Würfe Verwendung. Gerade hier wurde vermittelt, dass die -Ausführungen mitunter auf Techniken ohne Hilfsmittel beruhen bzw. stark mit diesen in Verbindung stehen.

 

Am Abend trafen wir uns in gemütlicher Runde und haben uns bei Pizza über vielen Themen ausgetauscht. Sonntag wurde der Stoff des Vortags weitergeführt, auch mit einer interessanten Neuerung. Wenn bisher auf geschichtliche Aspekte eingegangen wurde, geschah dies oft mit alten Darstellungen oder der Tafel. Diesmal wurde auch gezeigt, wie der in Formationen genutzt wurde und werden kann. Hier gingen wir nicht nur auf einzelne Bewegungen, sondern auf Abschnitte in der Kata ein.

 

Ich möchte mich bei allen Teilnehmern für ihr Kommen und für das gemeinsame Training bedanken. Gerade unseren Gästen möchte ich ein besonderes Dankeschön für ihre begeisterte Teilnahme aussprechen. Ein ebenfalls besonderes Dankschön geht an Henning für die Organisation, Strukturierung und Durchführung des gesamten Wochenendes. Mit dem Wunsch, alle Beteiligten, auch jene, die diesmal aufgrund von Krankheit ausgefallen waren, sowie weitere Gesichter beim nächsten Lehrgang begrüßen zu können, behalte ich das Wochenende in guter Erinnerung. (Phillip)